Hintergrund: Aufgabe, Wachstum und Bedeutung des Internet Archive
Das Internet Archive wurde 1996 von Brewster Kahle in San Francisco gegründet. Seine Mission umschreibt sich mit dem Anspruch, „allen Menschen universellen Zugang zu allem Wissen“ zu ermöglichen. Der gemeinnützige Zweck liegt in der Bewahrung digitaler Inhalte – Webseiten, Bücher, Musik, Filme, Software, wissenschaftliche Dokumente. Der Umfang ist beeindruckend: Nach eigenen Angaben mehr als 850 Milliarden archivierter Webseiten, 44 Mio. Bücher und Texte, 15 Mio. Tonaufnahmen, 8 Mio. Videos und 3,5 Mio. Bilder (Stand 2025).
Ein zentrales Angebot ist die „Wayback Machine“, mit der frühere Versionen von Webseiten abgerufen werden können – ein wichtiges Instrument für Journalisten, Historiker, Rechtsanwälte und Forschende. Ohne solche Dienste droht ein massiver Verlust digitalen Gedächtnisses: Webseiten verschwinden, Domains werden verkauft, Server abgeschaltet – häufig ohne Rücksicht auf die langfristige Bewahrung.
Die Bedeutung des Internet Archive liegt also nicht allein in der Bereitstellung von Inhalten, sondern in der Funktion als digitaler Speicher unseres gesellschaftlichen Gedächtnisses. Inhalte, die heute im Netz erscheinen, könnten morgen verschwunden sein – das Internet Archive dokumentiert diese Vergänglichkeit und stellt sie historisch rekonstruierbar dar. Insofern wirkt seine Existenz wie eine digitalarchäologische Infrastruktur.
Der juristische und institutionelle Konflikt: Urheberrecht versus Gemeinwohl
Trotz dieser Bedeutung steht das Internet Archive im Zentrum eines intensiven rechtlichen Konflikts – primär ausgelöst durch seine Praxis des „Controlled Digital Lending“ (CDL) von Büchern. Bei CDL-Modellen digitalisieren Bibliotheken physische Bücher, die sie erworben haben, und verleihen dann digitale Kopien, wobei typischerweise eine Kopie aus dem Verleih genommen wird, sobald die digitale ausgeliehen ist.
Im Fall des Internet Archive war die Kontroverse besonders virulent durch die Einrichtung der sogenannten „National Emergency Library“ im Frühjahr 2020 während der Corona-Pandemie, bei der Millionen gescannter Bücher ohne Leihbeschränkung (bzw. mit stark erweiterten Zugriffsmöglichkeiten) zur Verfügung gestellt wurden.
Vier grosse US-Verlage – Hachette Book Group, HarperCollins Publishers, Wiley und Penguin Random House – klagten das Internet Archive wegen systematischer Urheberrechtsverletzungen an. Der zentrale Vorwurf war, dass das Archiv urheberrechtlich geschützte Bücher ohne Lizenz digitalisiert und online verliehen habe, was eine unautorisierte Vervielfältigung darstelle.
Im März 2023 fiel ein Urteil eines US-Bundesgerichts in New York, das dem Internet Archive die Verletzung von Urheberrechten attestierte. Im September 2024 bestätigte das US Court of Appeals (Second Circuit) die Entscheidung. Im Dezember 2024 entschied das Internet Archive, keine Revision beim US-Supreme Court einzulegen und akzeptierte damit faktisch das Urteil.
Das Urteil hatte im Kern zur Folge, dass die CDL-Praxis des Internet Archive – zumindest in der gegebenen Form – nicht als „Fair Use“ anerkannt wurde. Entscheidend war, dass die Kopien vollständiger Werke ohne ausreichende Transformation bereitgestellt wurden und somit als Substitut für kommerzielle E-Books wirkten.
Diese Entwicklung markiert einen Wendepunkt, nicht nur für das Internet Archive, sondern für das Konzept digitaler Verleihdienste von Bibliotheken insgesamt.
Argumente für die Beibehaltung des Internet Archive
Kulturelles Gedächtnis und wissenschaftlicher Wert
Das Internet Archive zählt zu den wenigen Institutionen, die systematisch das digitale Erbe der Menschheit bewahren. Ohne seine Speicherfunktion wären viele frühe Webseiten, Foren, wissenschaftliche Projekte und „verlorene“ digitale Inhalte unwiederbringlich. Für die Geschichtsforschung, Medienanalyse und Rechtsdokumentation ist die Wayback Machine ein unverzichtbares Werkzeug.
Bildung und Gleichberechtigung des Wissenszugangs
Gerade in Zeiten wachsender Informationsungleichheit stellt das Internet Archive ein demokratisierendes Instrument dar: Studierende, Forschende und Bürger in ärmeren Regionen haben via Internet Zugriff zu Inhalten, die sonst hinter Paywalls verborgen oder vergriffen wären. Der Zugang zu Wissen wird damit nicht allein von ökonomischen Bedingungen bestimmt.
Erhalt vergänglicher digitaler Inhalte
Digitale Inhalte besitzen eine hohe Vergänglichkeit: Serverabschaltungen, Restrukturierungen, Domainverkäufe führen dazu, dass Inhalte heute da sind und morgen verschwunden. Das Archiv dokumentiert diese flüchtige Welt und schafft somit historische Kontinuität in einer digital beschleunigten Epoche. Insofern ist das Archiv auch eine Art „Backup“ unserer digitalen Kultur.
Argumente für Einschränkungen, Reformen oder sogar eine Abschaltung
Urheberrechtsverletzungen und Marktbeeinträchtigung
Die Verlage und viele Autorinnen und Autoren argumentieren, dass das Internet Archive mit seiner Praxis die Existenzgrundlage von kreativen Werken untergrabe: Wenn Werke ohne Lizenz digital verfügbar gemacht werden, sinkt die Anreizstruktur für Produzentinnen und Produzenten neuer Inhalte. Gerichtsentscheidungen haben dies bekräftigt: Die Kopien wirkten als Substitut und verletzten damit die Rechte der Verlage.
Fehlende Kontrolle, Qualitätssicherung und Geschäftskonkurrenz
Im Archiv befinden sich Inhalte, die fehlerhaft, doppelt oder unvollständig sind. Zudem besteht das Risiko, dass Inhalte mit sensiblen oder rechtswidrigen Materialien (z. B. Malware, Desinformation, unlizenzierte Filme) unzureichend geprüft werden. Darüber hinaus stellen Kritiker eine Wettbewerbsverzerrung gegenüber kommerziellen Plattformen fest: Während kommerzielle Anbieter Lizenzgebühren entrichten, stellt das Internet Archive Inhalte – zumindest teilweise – ohne vertragliche Grundlage bereit. Das führe zu ungleichen Bedingungen im digitalen Publikationsmarkt.
Rechtliche Unsicherheit und Institutionelle Verantwortung
Das rechtliche Umfeld ist unsicher. Die Urteile gegen das Internet Archive zeigen, dass selbst gemeinnützige Bibliotheksmodelle nicht automatisch von Urheberrechtsansprüchen freigestellt sind. Eine Abschaltung oder radikale Reform könnte auch als eine Art Präzedenzfall für andere digitale Bibliotheksmodelle dienen und damit Unsicherheit erzeugen.
Ein Mittelweg: Reform statt pauschaler Schliessung
Die vollständige Löschung oder Abschaltung des Internet Archive wäre aus kultur- und wissenschaftspolitischer Sicht ein massiver Verlust. Allerdings zeigen die juristischen Entscheidungen: Der Status quo ist nicht tragfähig. Daher ist ein Mittelweg angezeigt – eine umfassende Reform, keine radikale Beendigung.
Folgende Ansatzpunkte erscheinen sinnvoll:
- Klare Lizenzmodelle für digitale Bibliotheken: Zusammenarbeit mit Verlagen und Urheberinnen/Urhebern, damit digitalisierte Werke rechtlich abgesichert online bereitgestellt werden können.
- Kooperationen und transparente Verfahren: Das Internet Archive könnte mit Verlagen, Autorinnen/Autoren und Bibliotheken einen verbindlichen Rahmen erarbeiten, der sowohl den Zugang zu Wissen als auch den Schutz von Urheberrechten würdigt.
- Öffentlichkeit und Finanzierung: Mehr staatliche oder gemeinnützige Finanzierung zur Sicherung gemeinnütziger Archivarbeit, damit nicht allein Zugriffszahlen oder Spendeneinnahmen der Massstab sind.
- Technische und organisatorische Qualitätsstandards: Verbesserung der Metadaten, Sicherstellung der Qualität digitalisierter Inhalte, Kontrolle über Rechte- und Lizenzstatus, Transparenz über enthaltene Werke.
- Differenzierung von Use-Cases: Pläne könnten differenzieren zwischen gemeinfreien Werken, vergriffenen Werken, seltenen Objekten oder wissenschaftlichen Sammlungen einerseits und kommerziell verfügbaren Werken andererseits – mit jeweils unterschiedlichen Lizenz- und Nutzungsmodellen.
In Europa etwa werden mit der Digital Europe Strategy und den European Data Space Initiatives bereits Ansätze diskutiert, wie digitale Archive rechtlich und technologisch besser abgesichert werden können – insbesondere für Forschung und Bildung. (vgl. Informationen)
Tabellarischer Überblick: Statistik & Rechtliche Eckdaten
| Kennzahl / Thema | Wert / Erläuterung |
|---|---|
| Archivierte Webseiten | > 850 Milliarden (Stand 2025) |
| Bücher und Texte | ca. 44 Mio. |
| Tonaufnahmen | ca. 15 Mio. |
| Videos | ca. 8 Mio. |
| Bilder | ca. 3,5 Mio. |
| Entscheidendes Urteil (District Court NY) | März 2023: Urteil gegen Internet Archive in Fall Hachette u.a. v. Internet Archive |
| Berufungsentscheidung (2nd Circuit) | Sept. 2024: Bestätigung des Urteils gegen Internet Archive |
(Hinweis: Zahlen basieren auf Angaben des Internet Archive; sie können sich verändern.)
Bewertung und Ausblick
Angesichts der vorliegenden Fakten lässt sich mit Überzeugung sagen: Eine vollständige Löschung des Internet Archive wäre unverhältnismässig und hätte gravierende kulturelle Konsequenzen. Dennoch kann und sollte der Betrieb nicht unverändert weiterlaufen – der Rechtsraum hat klare Grenzen gesetzt.
Die Herausforderung liegt darin, Zugang zu Wissen und kulturelles Gedächtnis zu sichern, gleichzeitig aber die Rechte von Urheberinnen, Urhebern und Verlagen nicht zu unterlaufen. Im Licht der Gerichtsurteile in den USA, die deutlich machen, dass das Modell des Internet Archive in seiner bisherigen Form urheberrechtlich angreifbar ist, muss sich das Archiv reformieren – hin zu einem rechtssicheren, transparenten und nachhaltigen Modell.
Für Europa und Deutschland heisst das konkret: Politik, Bibliotheken und gemeinnützige Organisationen sollten gemeinsam ein Rahmenwerk entwickeln, das digitale Archivarbeit mit Urheberrecht in Einklang bringt – unter Nutzung technologischer Lösungen (z. B. digitale Leihrechte, DRM, Plattformen mit beschränktem Zugang) und institutioneller Absicherung (öffentliche Förderung, Kooperation mit Rechteinhabern).
Die Zukunft des Internet Archive hängt somit weniger davon ab, ob es “weitergeführt oder gelöscht” wird, sondern wie es neu gedacht und organisiert wird – im Sinne eines modernen digitalen Bibliotheks- und Archivsystems, das dem digitalen Wandel ebenso Rechnung trägt wie den rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen.
Fazit
Das Internet Archive ist kein Piraterie-Projekt – es ist eine digitale Gedächtnisinstitution mit globaler Bedeutung. Seine Mission, Wissen zu bewahren und zugänglich zu machen, steht jedoch im Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Gemeinwohl. Angesichts der juristischen Urteile gegen seine derzeitige Praxis ist eine radikale Fortführung ohne Anpassung nicht mehr möglich. Stattdessen ist eine Reform dringend erforderlich: ein Modell, das sowohl den Zugang zu Wissen als auch den Schutz der Rechte von Kreativen in Einklang bringt. Wer sich für die Abschaltung ausspricht, riskiert, dass ein wesentlicher Teil unseres digitalen Erbes unwiederbringlich verloren geht. Wer unverändert weitermachen will, ignoriert die rechtlichen Grenzen. Die Aufgabe ist daher, gemeinsam einen Weg zu finden, der beides ermöglicht.
Quellen
- “Internet Archive Loses Lending Lawsuit: What Happened, and What’s Next?”, Copyright Lately, April 3 2023.
- “Controlled Digital Lending Takes a Blow in Court”, The Scholarly Kitchen (SSPnet), March 29 2023.
- “Hachette Book Group v. Internet Archive and the Future of Controlled Digital Lending”, Penn Libraries, Juni 2023.
- “End of Hachette v. Internet Archive”, Internet Archive Blog, 4. Dezember 2024.
- “Library Lending of Digitized In-Copyright Works: A Brief Tour”, HathiTrust (University of California), 2023.
- “Internet Archive’s Fair Use Defense Falls Short”, BYU Copyright Blog, Oktober 2024.
Dieser Text auf outview.ch wurde von Gordian Hense, Oftringen, Schweiz, erstellt und zur Verfügung gestellt. Das Copyright für diesen Text liegt bei Gordian Hense, Oftringen, Schweiz. Gordian Hense bietet Dienstleistungen in den Bereichen Business Conuslting, Mental-Coaching, Copywriting, Content-Erstellung und mehr an. Bei Interesse an diesem Text oder der Erstellung hochwertiger Inhalte wenden Sie sich bitte an Gordian Hense in Oftringen.


Im Rahmen der Bekämpfung der Meinungsfreiheit sehe ich den Angriff auf das Internetarchiv etwas anders. Es ist offensichtlich, dass man als Argument die Copyrightverletzungen nur vorschiebt, um auch gleich Informationen zu löschen, die bestimmte Kreise nicht mehr an die Öffentlichkeit sehen wollen. Das geht mit Wahlversprechen, die man nicht mehr gelten lassen will, los und endet bei nachträglicher Geschichtsklitterung. In Zeiten massiver Kriegspropaganda ein weit verbreiteter Wunsch. Wenn man das zulässt, wird es nie wieder eine Quelle geben, die verlässlich ein paar Monate oder Jahre zurückschauen kann.