Die verdeckten Machtstrukturen hinter der Beteiligung von The Carlyle Group am Verkauf von BASF SE-Teilbereichen

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Am 10. Oktober 2025 verkündete die Chemie­legende BASF SE den Verkauf ihres Beschichtungs­geschäfts (Coatings) an Fonds der amerikanischen Beteiligungs­gesellschaft The Carlyle Group in Zusammenarbeit mit der Qatar Investment Authority (QIA). Der vollständige Kauf­vertrag sieht einen Unternehmens­wert von rund 7,7 Milliarden Euro vor – bei einer Gesamt­bewertung der Sparte von etwa 8,7 Milliarden Euro inklusive der bereits erfolgten Veräußerung einer dekorativen Lacke-Einheit. (BASF)
Diese Transaktion ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine strategische Weichen­stellung: Für BASF markiert sie einen Schritt zur stärkeren Fokussierung auf Kern­geschäfte. Für Carlyle öffnet sich ein weiteres Frontstück für Investitionen im industriellen Chemie- und Coatings-Sektor. Doch die Hintergründe lassen tiefer blicken: Netzwerke von Politik, Verteidigungsindustrie und Finanz­kapital zeigen ein komplexes Geflecht, das weit über einen einfachen Unternehmens­verkauf hinausweist.

In diesem Artikel beleuchte ich die drei zentralen Aspekte: die Transaktion selbst, die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen von Carlyle und schließlich die Bedeutung für BASF sowie für die deutsche Industrie.

Der Verkauf: BASF Coatings im Fokus

Transaktionsdetails

Die Vereinbarung sieht vor, dass BASF das Geschäft mit Lacken und Oberflächen­behandlungen für die Automobil-OEM-Beschichtung, das Autorefinish-Segment und die Oberflächen­behandlung von Metallen, Kunststoffen und Glas an Carlyle/­QIA überträgt. (Carlyle) BASF behält jedoch 40 % am Geschäft und erhält beim Abschluss voraussichtlich rund 5,8 Milliarden Euro vor Steuern. (Repairer Driven News) Der Abschluss wird für das zweite Quartal 2026 erwartet. (BASF)
Die Geschäftszahlen der Coatings-Sparte untermauern das Gewicht dieses Deals: Laut Angaben erzielte sie im Jahr 2024 einen Umsatz von etwa 3,8 Milliarden Euro. (American Machinist) Das Bewertungs­verhältnis (EV/EBITDA) wird mit circa 13 fach angegeben. (BASF)
Für BASF bedeutet dies eine Nutzung von Liquidität zur strategischen Neuausrichtung: Der Konzernmannschaft geht es um eine gezielte Konzentration auf Batteriematerialien, Agrarchemie und andere Kern­segmente. (PU Magazine)

Bedeutung für BASF

Aus strategischer Sicht adressiert dieser Schritt mehrere Faktoren:

  • Der Druck auf die europäische Chemie­industrie: steigende Energie­kosten, schwaches Wachstum und Konkurrenz aus China machen Standard­chemikalien zunehmend weniger profitabel. (Financial Times)
  • Eine konsequente Portfolio-Bereinigung: Weg von weniger integrierten, weniger margen­starken Geschäften hin zu stärker wertschöpfenden Aktivitäten mit Innovations­potenzial.
  • Freiwerdende Mittel: Mit dem Erlös lassen sich Rückkäufe, Schulden­abbau oder Neuinvestitionen in Zukunfts­technologien realisieren.
    Die Transaktion lässt sich somit als Teil einer umfassenden Umstrukturierung interpretieren – mit weitreichenden Folgen für BASF und den deutschen Industriestandort.

Die Carlyle Group: Geschichte, Verbindung zur Politik und sektorale Ausrichtung

Historische Hintergründe und Gründung

Die Carlyle Group wurde 1987 in Washington D.C. gegründet – von den Gründern David M. Rubenstein, William E. Conway Jr. und Daniel A. D’Aniello. (Wikipedia) Zuvor war Rubenstein im Weißen Haus unter Präsident Jimmy Carter tätig; Conway und D’Aniello hatten Führungserfahrungen in der Privatwirtschaft. Diese Kombination aus Finanzierungsexpertise und politischem Hintergrund legte den Grundstein für Carlyles Erfolg. (Wikipedia)

Politische Verflechtungen

Ein charakteristisches Merkmal von Carlyle ist die starke Vernetzung mit Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung. Beispiele:

  • Der ehemalige US-Präsident George H. W. Bush, der nach seiner Amtszeit zeitweise als Berater und Redner für Carlyle tätig war. (Wikipedia)
  • Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte geschäftliche Beziehungen zu Carlyle-nahen Strukturen. (Wikipedia)
  • Der frühere Außen- und Finanzminister James A. Baker III fungierte als Senior Advisor bei Carlyle. (The New Yorker)

Zusätzlich treibt Carlyle aktiv Lobbyarbeit: Laut OpenSecrets gab die Gruppe im Jahr 2025 rund $1,74 Mio. für US-Bundes-Lobbying aus. (OpenSecrets) Ferner beteiligte sich Carlyle mit rund $297.000 an Spenden für KMK-Kandidaten im Wahlzyklus 2023–2024. (OpenSecrets)

Diese Kombination aus politischem Zugang, institutionellem Kapital und systematischer Einflussnahme macht deutlich, weshalb Carlyle als „Politik-Insider“ im Private Equity gilt. (Fortune)

Sektorale Ausrichtung und Investitions-Profil

Carlyle zeichnet sich durch Investments in strategisch bedeutsame Sektoren aus:

  • Rüstungs- und Verteidigungs­industrie: Beteiligungen an Firmen wie United Defense oder Boeing-Zulieferern belegen frühzeitige Investitionen in Pentagon-nahe Bereiche. (The New Yorker)
  • Infrastruktur, Sicherheit und Kommunikation: Carlyles Fonds engagieren sich in Bereichen mit staatlicher Relevanz – von Sicherheits-, Energie- und Kommunikationsunternehmen bis zu Infrastrukturprojekten.
  • Globale Industrien und Carve-outs: Ein professioneller Fokus auf Ausgliederungen („Carve-outs“) von Konzernen, wie etwa bei Sanitär-, Chemie- oder Technikfirmen. Beispiel: Carlyles Beteiligung an der Chemie-Sparte von Akzo Nobel („Nouryon“). (Financial Times)

Carlyle selbst beschreibt seine geografischen Wurzeln in Washington D.C. als strategischen Vorteil: die Nähe zu politischen Entscheidungskreisen und regulatorischem Geschehen verschafft dem Unternehmen laut eigener Aussage einen Wettbewerbsvorteil. (Fortune)

Die Verbindung von BASF-Verkauf und Carlyle-Netzwerk: Analyse der Implikationen

Zugang zu politischen Entscheidungsträgern – ein Wettbewerbsvorteil?

Der Verkauf der BASF-Coatings-Sparte an Carlyle fällt in das gezeichnete Muster: Ein Investment-Haus mit politisch gewichtiger Vergangenheit erwirbt hochkomplexe, industrie­relevante Geschäfts­bereiche und nutzt vorhandene Netzwerke, um regulatorische, geopolitische oder marktspezifische Vorteile zu erzielen.
Obwohl es keine direkten Belege gibt, dass diese konkrete Transaktion unter Einflussnahme von Politikern zustande kam, ist zu berücksichtigen: Carlyles jahrelange Beziehungen zu bedeutenden US-Regierungs­figuren (Bush, Baker, Rumsfeld) sowie aktive Lobbyarbeit schaffen die Frage einer asymmetrischen Machtposition – insbesondere gegenüber Unternehmen, die global agieren wie BASF.
Die strategische Entscheidung von BASF, Teile des Geschäfts an eine solche Gruppe zu übertragen, wirft damit auch Fragen nach Governance, fairer Verfahren und Wettbewerbs­gleichheit auf.

Internationale Verlagerung und Globalisierung

Ein weiterer Aspekt ist die Verlagerung eines deutschen Industriekonzerns (BASF) hin zu einem US-basierten Private Equity-Investor mit globalen Ambitionen. Solche Deals stehen im Kontext von:

  • Portfolio-Optimierung durch Ausgliederung von weniger integrierten Einheiten
  • Konzentration auf Kern-Fähigkeiten und Zukunfts­bereiche
  • Internationale Finanzakteure, die durch Zugang zu globalen Märkten und staatlichen Aufträgen Vorteile realisieren können

In diesem Fall behält BASF zwar 40 % an der Gesellschaft, doch die operative Kontrolle geht an Carlyle über. Damit entsteht eine neue Eigentümer- und Steuerungskonstellation, die Aspekte wie Investitionsstrategie, Governance und Wert­schöpfung für die Beschäftigten und Kunden des ehemaligen Coatings-Geschäfts betrifft.

Auswirkungen auf den deutschen Industriestandort

Diese Transaktion ist symptomatisch für mehrere Trends in der deutschen Wirtschaft:

  • Deutliche Schwäche der Chemie- und Coatings-Branche in Europa (insbesondere wegen Energie­kosten, Wettbewerbsdruck, schwachem Wachstum) (Financial Times)
  • Zunehmender Einfluss von Finanzinvestoren bei industriellen Kern­aktivitäten
  • Wandel von Eigentums- und Kontroll­strukturen – weg von klassischer Industrie­herrschaft hin zu Finanz­­kapital­geführtem Modell

Dies wirft Fragen auf: Wird die strategische Unabhängigkeit deutscher Industrie­unternehmen geschwächt? Welche Rolle spielt staatliche Regulierung im Kontext solcher Übernahmen? Und wie gestaltet sich der Innovations- und Beschäftigungs­rahmen unter einem neuen Eigentümer?

Ein Blick auf die Daten: Transaktion und Netzwerk im Überblick

Kennzahl Wert / Details
Verkaufspreis BASF Coatings ca. 7,7 Mrd. € (Enterprise Value) (Carlyle)
Gesamtwert Coatings Division ca. 8,7 Mrd. € (BASF)
Umsatz Coatings Division (2024) ca. 3,8 Mrd. € (American Machinist)
EV/EBITDA Multiplikator ca. 13× (2024) (Repairer Driven News)
Lobbying-Ausgaben Carlyle (2025) ~1,74 Mio. US$ (bis Mitte 2025) (OpenSecrets)
Politische Wahl-Spende Carlyle PAC (2023–24) ~297.000 US$ (OpenSecrets)

Kritische Bewertung und Ausblick

Chancen und Risiken

Chancen:
Für BASF bietet sich die Möglichkeit, sich von nicht ­strategischen Einheiten zu trennen, Kapital freizusetzen und sich auf zukunftsgerichtete Geschäftsfelder zu konzentrieren. Für Carlyle wiederum eröffnet sich der Zugang zu einem renommierten Geschäft mit globaler Relevanz und die Chance zur Wertsteigerung durch gezielte Steuerung.

Risiken:

  • Aus Sicht der Beschäftigten und Standorte ist unklar, wie sich die neue Eigentümer­struktur auf Arbeitsplätze und Investitionen auswirkt.
  • Industriestandort Deutschland könnte weiter an Kontrolle verlieren, wenn wichtige operative Einheiten in Finanz­beteiligungshände übergehen.
  • Regulatorisch kann die Konzentration von Industriefunktionen bei globalen Private Equity-Expeditionen Fragen der Wettbewerbsgleichheit aufwerfen.
  • Schließlich bleibt offen, ob politische Netzwerke von Carlyle wirklich einen unfairen Vorteil schaffen – oder ob solche Netzwerke lediglich Reflexionen eines modernen Finanz- und Macht­geflechts darstellen.

Einschätzung für die Zukunft

Die Transaktion ist nicht isoliert zu betrachten, sondern Teil eines größeren Wandels: Industrielle Kern­aktivitäten werden zunehmend den Kategorien „Finanzinvestition“ und „Carve­out-Objekt“ zugeordnet. Dabei spielt politischer Zugang eine wachsende Rolle. Es ist damit zu rechnen, dass ähnliche Deals zur Umstrukturierung von europäischen Industrie­gruppen zunehmen.
Für Deutschland gilt: Wer die Kontrolle über Schlüssel­technologien behalten will, muss die Rahmenbedingungen gezielt gestalten – inklusive Regulierung von Beteiligungen, Sicherung von Standorten und Förderung von Forschung und Innovation. Gleichzeitig wird die Rolle von Finanzinvestoren in der Industrie weiter zunehmen – und damit die Forderung nach Transparenz, Governance und fairen Verfahren.


Fazit

Der Verkauf der Coatings-Sparte von BASF an die Carlyle Group ist weit mehr als ein klassischer Unternehmens­verkauf: Er steht für den Trend, dass Industrie immer stärker vom Finanz- und Politik-Kapital mitgeprägt wird. Die engen Verknüpfungen von Carlyle mit ehemaligen Regierungs­vertretungen und die aktive Lobby­arbeit unterstreichen ein Bild, in dem wirtschaftlicher Erfolg und politischer Einfluss Hand in Hand gehen.
Für BASF und den deutschen Industriestandort ergeben sich sowohl Chancen – etwa Freiräume zur Fokussierung – als auch strukturelle Risiken – etwa Kontrollverlust über wesentliche Geschäftsbereiche. Und für die Gesellschaft stellt sich schließlich die Frage: Wie viel Einfluss darf private Beteiligungs­kapital in strategisch relevanten Industrie­bereichen haben?

Die Analyse zeigt: Hinter dem Zahlenwerk von Milliarden­euros Deals steckt ein Macht­gefüge, das weit über die handels­üblichen Kategorien von Angebot und Nachfrage hinausgeht.

Quellen

  1. Reuters: Political spotlight on Carlyle after U.S. election. (Reuters)
  2. OpenSecrets: Client Profile – Carlyle Group. (OpenSecrets)
  3. OpenSecrets: PAC Contributions of Carlyle Group. (OpenSecrets)
  4. The Carlyle Group Webseite – The Path to the Presidency. (Carlyle)
  5. The Carlyle Group (Wikipedia). (Wikipedia)
  6. Bloomberg: Carlyle’s CEO Is Reviving Its DC Brand Just in Time for Trump Era. (Bloomberg)
  7. BASF & Carlyle Joint News Release (10.10.2025). (BASF)
  8. Reuters: BASF sells majority of coatings business to Carlyle, Qatar Investment Authority. (Reuters)
  9. BloombergGlobal: BASF Strikes €7.7 Billion Deal with Carlyle and QIA for Coatings Unit. (Blooming Trade Data)
  10. BASF to Sell Majority Stake in Coatings Unit to Carlyle for $6.7 Billion (wsj.com)
  11. Carlyle nears €7bn deal for BASF unit (Financial Times)
  12. BASF verkauft Lacke-Sparte an US-Finanzinvestor Carlyle (welt.de)

Dieser Text auf outview.ch wurde von Gordian Hense, Oftringen, Schweiz, erstellt und zur Verfügung gestellt. Das Copyright für diesen Text liegt bei Gordian Hense, Oftringen, Schweiz. Gordian Hense bietet Dienstleistungen in den Bereichen Business Conuslting, Mental-Coaching, Copywriting, Content-Erstellung und mehr an. Bei Interesse an diesem Text oder der Erstellung hochwertiger Inhalte wenden Sie sich bitte an Gordian Hense in Oftringen.

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